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B I N N E N H Ä F E N

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Für die Archäologie stellt die Erforschung früh- und hochmittelalterlicher Binnenhäfen eine besondere Herausforderung dar. Archäologische Befunde zeigen, dass es sich vielfach um "Naturhäfen" im weitesten Sinne handelt. Die Frage nach dem Hafenbau ist damit die Frage nach dem Uferverlauf und Modifikationen dieses Uferverlaufs.
Um potenzielle Hafenstandorte zu identifizieren und ihre Einbindung in die Landschaft zu rekonstruieren, bedarf es daher eines speziellen Methodenspektrums. Eine zentrale Rolle für die Erfassung natürlicher und anthropogen beeinflusster Veränderungen spielt die Analyse von LIDAR-Scans, Luftbildern und historischen Karten sowie von großflächigen geomagnetischen Prospektionen, Bohrungen, Begehungen und archäologische Grabungen. Im Rahmen des Projekts dienen hierfür fünf Studiengebiete als Fallbeispiele.
 

Regensburg

Eine Schlüsselposition wird in diesem Zusammenhang die Auswertung der Donaumarktgrabung einnehmen (Ansprechpartnerin Iris Nießen M.A.). Hier wurde in den Jahren 2009 bis 2015 im Vorfeld des Baus für das Museum der Bayerischen Geschichte eine Fläche von mehr als 6.000 m2 archäologisch untersucht. Dabei konnten nicht nur das spätmittelalterliche und neuzeitliche Stadtviertel rekonstruiert, sondern darüber hinaus verschiedene Uferbefestigungen, Altwasserarme sowie das früh- und hochmittelalterliche Siedlungs- und Handwerksareal erfasst werden. Die Lage unmittelbar an der Donau, nordöstlich des römischen Kastells und im Vorfeld der mittelalterlichen Stadt ermöglicht ganz besondere Erkenntnismöglichkeiten im Bezug zur Entwicklung und Nutzung des Donauufers, insbesondere während des frühen und hohen Mittelalters. 
Während der Ausgrabung konnte die heute ca. 20 m landeinwärts liegende Uferlinie des 9./10. Jahrhunderts identifiziert und eine mehrphasige Entwicklung dokumentiert werden. Insgesamt wurden mindestens fünf unterschiedliche Uferbefestigungen an einer Stillwasserzone beobachtet, die eine stetige Verlandung nach Norden in Richtung des heutigen Donauufers anzeigen. Die gute Feuchtbodenerhaltung macht es möglich, den Verlauf auch durch dendrochronologische Datierungen zu untermauern. Die fortschreitende Verlandung zeichnet sich durch eine Abfolge von Donausedimenten und Kulturschichten, die von Landseite eingebracht wurden, ab. Sie sind Zeugnis einer schwankenden Uferlinie, die jeweils nach den Bedürfnissen der nutzenden Bevölkerung befestigt wurde. In der gesamten Grabungsfläche finden sich verschiedene landeinwärts liegende "Rinnen" und Sedimentablagerungen, die ehemals wasserführende Seitenarme und Hochwasserereignisse anzeigen. Im Zuge der Auswertung werden die Veränderungen im Relief und in der Landschaft durch Umwelteinflüsse und anthropomorphe Veränderungen nachgezeichnet.

Weiterführende Informationen: siehe hier.
Ansprechpartnerin: Iris Nießen M.A.

Frankfurt am Main

Neben Regensburg entwickelte sich in der Karolingerzeit Frankfurt am Main aufgrund seiner verkehrsgünstigen Lage am Kreuzungspunkt des Mains mit wichtigen Fernstraßen zu einem der bedeutendsten ostfränkischen Zentren. Um 1200 errichtete man direkt am Mainufer den sogenannten Saalhof, der mit seinem mächtigen östlichen Turm vermutlich eine Kontrollfunktion des Schiffsverkehrs übernahm. Zu diesem Baukomplex gehört eine 2012 ergrabene steinerne Kaimauer mit hölzernen Prellbalken, die mit der zum Main ausgerichteten Fassade des Saalhofes verzahnt ist. Eine Fortsetzung der Kaimauer nach Westen wurde bereits 1970 dokumentiert. Das Fundmaterial verspricht weiterführende Einblicke in die Nutzung des Hafenareals.  Die Aufarbeitung und baugeschichtliche Analyse der Hafenbefunde in Frankfurt  zielt auf eine Rekonstruktion der mittelalterlichen Uferentwicklung und die Prüfung der Existenz eines weiter nördlich gelegenen karolingerzeitlichen Hafens ab. Wie in Regensburg werden auch in Frankfurt die Lagebeziehungen von Mainufer und Hafen zur römischen Vorbesiedlung und mittelalterlicher Stadt sowie zum ufernahen Wegenetz und den Flussübergängen analysiert.

Ansprechpartnerin: Doris Wollenberg M.A.

Speyer

Ein besonderes Potential bietet die vergleichende Betrachtung mit der fast zeitgleichen Kaianlage in Speyer, die 1987 ausgegraben wurde. Die Kaianlage liegt am Südrand der mittelalterlichen Kernstadt, wo ein bis in das 13./14. Jahrhundert schiffbarer Altarm des Rheins angenommen wird. Im Vergleich zu den Frankfurter Befunden zeigen sich Übereinstimmungen, aber auch konstruktive Variationen. Auch die Topographie und der städtische Kontext beider Hafenanlagen ermöglichen es, Vergleiche anzustellen. Das Kerngebiet Speyers liegt auf einem Sporn der Niederterrasse des Rheins und der Stadt geht ein römisches Militärlager voraus. In salisch-staufischer Zeit entwickelte sich Speyer zu einem wichtigen Königsort, Sakralzentrum, Handels- und Verkehrsknoten. Fähren gewährleisteten die Verbindung zwischen beiden Rheinseiten und bereits 1084 wird ein portus navalis erwähnt, der wohl im Norden der Stadt lag. Der zugehörige Rheinarm verlandete nach aktuellem Forschungsstand im 12./13. Jahrhundert, was Veränderungen der Hafeninfrastruktur nach sich zog, die es zu untersuchen gilt.

Ansprechpartnerin: Doris Wollenberg M.A.

Karlburg am Main

Die Siedlungskammer rund um Karlburg (siehe auch das Forschungsprojekt "Karlburg") zeigt durch das Fund- und Befundspektrum eine starke Einbindung in überregionale Verkehrswege, wobei der Main sicherlich eine große Rolle spielte. Die präzise Lokalisierung einer früh- und hochmittelalterlichen Hafensituation fehlte jedoch bislang. Bisherige Forschungsansätze der Gleichsetzung des mittelalterlichen Hafenbereichs mit dem des 19. Jahrhunderts galt es einer genaueren Untersuchung zu unterziehen. Durch die Anwendung von geowissenschaftlichen und geoarchäologischen Untersuchungen konnte das bisher identifizierte Hafenbecken weitgehend als Produkt jüngerer Bodenveränderungen und Sedimentationsprozesse ausgemacht werden. Die Ergebnisse unserer Bohrungen verdeutlichen, dass das früh- und hochmittelalterliche Ufer bis zu 100 m weiter westlich im Landesinnern lag als heute. Demnach könnte eine 2 km lange natürlich gebildete Terrassenkante im Mittelalter als Ufer- und Anlandebereich genutzt worden sein.
Großflächige archäologische und geophysikalische Prospektionen ermöglichten es außerdem, die ehemalige Gesamtausdehnung der Siedlung zu rekonstruieren und den Hafenbereich so von der Landseite aus weiter einzugrenzen. Hieraus ergeben sich neue Ansätze für das Verständnis der Siedlungstopographie im Früh- und Hochmittelalter sowie weitere Forschungsmöglichkeiten.

Ansprechpartner: Andreas Wunschel M.A. über Prof. Dr. Peter Ettel

Der Pfalzkomplex Salz an der Fränkischen Saale

Etwa 100 Flusskilometer nördlich von Karlburg liegt an der Fränkischen Saale der frühmittelalterliche Pfalzkomplex Salz. Die Schriftquellen berichten, dass der Fluss von Karl dem Großen und seinem Sohn Ludwig dem Frommen auf dem Weg zur Pfalz Salz mehrfach befahren wurde. Die genaue Lage eines möglichen Hafenstandorts ist jedoch bis heute ungeklärt.
Neben einer mächtigen Befestigungsanlage auf dem Veitsberg (Neustadt (Saale) (siehe auch das Forschungsprojekt "Veitsberg") und unweit eines rekonstruierbaren Wirtschaftshofes im Altort Salz bildet die Handwerker- und Gewerbesiedlung "Mühlstatt/Bitzenhausen" ein wichtiges Element dieses Siedlungskomplexes. Letztere liegt nahe am heutigen Verlauf der Fränkische Saale und bildet den Ausgangspunkt der Untersuchungen. Auf der Suche nach einer Anlandestelle werden dort neben Luftbildanalysen auch Prospektionsarbeiten wie Bohrungen und großflächige geophysikalische Kartierungen durchgeführt.
Dabei zeigte sich, dass anders als beim linearen Mainverlauf bei Karlburg das starke Mäandrieren der Fränkischen Saale offenbar zu  kleinräumig unterschiedlichen Erhaltungsbedingungen der mittelalterlichen Ufer- und Anlandebereiche führte. Im Gegensatz zum heutigen Erscheinungsbild liegt es nahe, dass die gesamte Bebauung im Frühmittelalter im Bereich einer hochwasserfreien Erhöhung lag. Mithilfe weiterer geophysikalischer und geoarchäologischer Untersuchungen wird seit 2014 nun auch der Auenbereich westlich der Fränkischen Saale unterhalb des Veitsbergs prospektiert, um Altarme des Flusses zu identifizieren und das Bild  weiter zu präzisieren.

Ansprechpartner: Andreas Wunschel M.A. über Prof. Dr. Peter Ettel