Projektbeschreibung 

Bei den Kyffhäuserburgen handelt es sich um drei, durch Abschnittsgräben voneinander getrennte mittelalterliche Befestigungen, die zusammen mit einer Länge von über 600 m bei ca. 60 m Breite eine der größten Burganlagen in Deutschland bilden. Sie liegen auf einem 800 m langen östlichen Ausläufer des Kyffhäusergebirges (Kyffhäuserkreis), rund 200 m hoch über der Goldenen Aue (457 m NN).

1934 hatte der Deutsche Reichskriegerbund (Kyffhäuserbund) als Besitzer des Geländes begonnen, die durch den 1890-96 in der Mittelburg erfolgten Bau des Kyffhäuser-Denkmals unbeschädigt gebliebenen Teile der mittelalterlichen Reichsburg Kyffhausen freizulegen und zu konservieren, um sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Gotthard Neumann fiel als Staatlichem Vertrauensmann für die vor- und frühgeschichtlichen Bodenaltertümer Thüringens die Aufgabe zu, diese Arbeiten bis zu ihrem Abschluß 1938 archäologisch zu betreuen. Die örtliche Grabungsleitung übernahmen seine Assistenten Erwin Schirmer in der Unterburg (1934-36) und Gottfried Kurth in der Oberburg (1937-38). Von 1937-39 wurden vom NS-Reichskriegerbund auch Baumaßnahmen in der nahegelegenen Rothenburg über Kelbra durchgeführt, bei der durch Dr. Karl Nothnagel und Anneliese Klappenbach ebenfalls Funde geborgen werden konnten.

Die Freilegungsarbeiten, die eine große überregionale Aufmerksamkeit erlangten, erfolgten unter Einsatz des Reichsarbeitsdienstes (Abt. VI/235 Bad Frankenhausen) und zahlreicher freiwilliger Helfer - zeitweise waren bis zu 150 Personen gleichzeitig tätig - und wurden unter großen Zeitdruck von Seiten des Reichskriegerführers, SS-Gruppenführer General Wilhelm Reinhard, ausgeführt. Abstriche bei der wissenschaftlichen Qualität der Ausgrabungen waren daher unvermeidlich. Im Verlaufe der Grabungen kam es mit Vertretern des Reichskriegerbundes, besonders Reinhard, zu erheblichen Differenzen bei der ethnischen Interpretation der entdeckten vorgeschichtlichen Befestigungs- und Siedlungsreste. Außerdem versuchten Heinrich Himmler und die 1935 von diesem gegründete "Studiengesellschaft für Geistesurgeschichte Deutsches Ahnenerbe" zunehmend, Einfluß auf die Untersuchungen zu nehmen.

Während die ur- und frühgeschichtlichen Funde und Befunde 1940 durch die Ausgräber ausführlich vorgelegt wurden, stehen die archäologische Aufarbeitung der mittelalterlichen Baugeschichte und die Vorlage der zahlreichen und zum Teil herausragenden mittelalterlichen Funde bis heute aus. Dies betrifft auch die forschungsgeschichtliche Einordnung der Ausgrabungen. Die Metallfunde wurden nach ihrer Restaurierung und der zeichnerischen Aufnahme in Jena an das Kyffhäuser-Museum zurückgegeben und sind heute größtenteils in der dortigen Dauerausstellung zu sehen. Das umfangreiche keramische Material wird nun im Thüringischen Landesamt für archäologische Denkmalpflege aufbewahrt. Die Dokumentation befindet größtenteils sich im Archiv des Bereichs für Ur- und Frühgeschichte. Allerdings sind insbesondere bei den von E. Schirmer geleiteten Ausgrabungen Verluste in der Dokumentation in den Wirren des Krieges und der Nachkriegszeit zu verzeichnen.

Die Besiedlung des Burgberges setzte nach Ausweis der Funde möglicherweise bereits im Neolithikum ein, doch könnten die Steingeräte auch erst in mittelalterlicher Zeit als Abwehrmittel gegen Blitzschlag hierher verbracht worden sein. Keramik- und Metallfunde der Bronzezeit stammen vermutlich aus zerstörten Grabhügeln. In mehreren der von G. Kurth angelegten Ausgrabungsschnitte in der Oberburg wurden die Reste einer Befestigung aus der älteren Eisenzeit [10][0] angetroffen. Eine Steintrockenmauer verlief weiter talabwärts als die mittelalterlichen Mauern. Die besiedelte Fläche war somit und nach den weit hangabwärts herunterziehenden vorgeschichtlichen Siedlungsresten wesentlich größer. Aus der bis zu einem halben Meter starken Kulturschicht mit zahlreichen Keramikfunden stammt auch der Fund einer Lage verbrannten Getreides, der zumeist als Überrest kultischer Handlungen gedeutet wurde.

Der Bauablauf im Mittelalter kann nach den Vorberichten in drei Phasen unterteilt werden. Zum Jahr 1118 wird in den schriftlichen Quellen bereits von einer Zerstörung des castrum etiam Cuphese durch den sächsischen Herzog Lothar von Supplinburg berichtet. Die Errichtung einer Burg dürfte damit bereits im 11. Jh., im Bereich der Oberburg nach Ausweis der Funde eventuell sogar bereits im späten 10. Jh., erfolgt sein. Sie diente dem Schutz des Reichsgutes im Harzvorland und stand im Zusammenhang mit der nur 2 km entfernt gelegenen Pfalz Tilleda ( www.tilleda.ottonenzeit.de/ ).

Nach der Zerstörung 1118, die mit einer an mehreren Stellen in der Unterburg angetroffenen Brandschicht in Verbindung gebracht wird, erfolgte ein rascher und umfangreicher Wiederaufbau wohl schon in der Regierungszeit Lothars von Supplinburg (1125-1137), der unter Friedrich I. Barbarossa (1152-1190) abgeschlossen wurde. Im 12. und 13. Jahrhundert erlebten die drei unmittelbar aufeinanderfolgenden Burgen den Höhepunkt ihrer Bedeutung. Dieser dokumentiert sich in erster Linie in den zahlreichen und qualitätvollen Metallfunden aus der Oberburg, der offenbar die Funktion einer Kernburg zukam. Allerdings sind für diese Zeit keine Herrscheraufenthalte mehr bezeugt. In den Quellen werden für die Mitte des 12. Jh. bis zur ersten Hälfte des 13. Jh. lediglich Reichsministeriale genannt.

Nach häufigem Besitzerwechsel im 14. und 15. Jh. wird Kyffhausen in der Düringischen Chronik des Johannes Rothe (gest. 1434) als "wustes sloz" bezeichnet. Lediglich in der Unterburg wurde die Kapelle nochmals wiederhergestellt und 1433 als Wallfahrtskapelle "Zum heiligen Kreuz" geweiht. Davon zeugen neben dem Bau selbst auch mehrere Bestattungen und die Funde von Pilgerzeichen. Spätestens mit der Reformation verliert auch dieses regionale Wallfahrtzentrum an Bedeutung und der Berg wird bis zum Bau des Kyffhäuserdenkmals lediglich durch einen seit dem 15. Jh. betriebenen Steinbruch genutzt.
Inwieweit die bisherigen Überlegungen zum Bauablauf noch Gültigkeit haben, kann erst nach einer ausführlichen Vorlage der Funde und Befunde unter Einbeziehung der in jüngster Zeit durchgeführten archäologischen und baugeschichtlichen Untersuchungen entschieden werden.

Zur der Geschichte und überkommenen Bausubstanz der mittelalterlichen Burgen auf dem Kyffhäuser, der Barbarossasage, dem Denkmal und dem Burgmuseum siehe auch die ausführlichen Informationen auf der Webseite des Tourismusverbands Kyffhäuser e.V. ( www.kyffhaeuser-denkmal.de/web/de/home/home.asp ).

Literatur

Auswahl - nicht aufgenommen wurde die umfangreiche Literatur zum Kyffhäuser aus der Zeit vor dem Beginn der Ausgrabungen, Zeitungsmeldungen zu den Ausgrabungen und hauptsächlich touristisch ausgerichtete Veröffentlichungen.)

Die Ausgrabungen auf dem Kyffhäuser. Das Thüringer Fähnlein 4, 1935, 519.

Albert Mundt, Die Arbeit des Thüringischen Landesamtes für Denkmalpflege und Heimatschutz 1933-34. Thür. Heimatschutz, Beil. zum Thüringer Fähnlein 4, 1935, 689-695, hierzu 693 f.

Erwin Schirmer, Vorläufiger Bericht über die Ausgrabungen auf dem Kyffhäuser. Spatenforscher 1, 1936, 9-13.

Gotthard Neumann, Die Reichsveste Kiffhausen, ein wiedergewonnenes Nationaldenkmal. Der Thüringer Erzieher 5 H. 17, 1937, 489-491 [auch als illustrierter Sonderdruck].

Freilegungsarbeiten auf der Ruine Rothenburg (Kyffhäuser). Thüringer Heimatschutz. Mitteilungen der Thüringer Landesvereine - Heimatschutz 3, 1937, 70 f. [Beilage zum Thüringer Fähnlein 6, 1937].

Freilegungsarbeiten auf der Ruine Rothenburg. Thüringer Heimatschutz. Mitteilungen der Thüringer Landesvereine - Heimatschutz 4, 1938, 12 [Beilage zum Thüringer Fähnlein 7, 1938].

Die Freilegung der Oberburg auf dem Kyffhäuser. ebd. 77 f.

R. Künstler, Leistungsschau mitteldeutscher Spatenforscher. Vierte Jahrestagung der mitteldeutschen Arbeitsgemeinschaft im Reichsbund für deutsche Vorgeschichte. Das Thüringer Fähnlein 7, 1938, 235-238, hierzu 237.

Gotthard Neumann, Die Ausgrabung der Reichsburgen auf dem Kyffhäuser. Das Bild, Monatsschrift für das deutsche Kunstschaffen in Vergangenheit und Gegenwart H. 7, 1939, 193-195.

Heinrich Rempel, Die "slawischen" Steilkämme in Thüringen ein deutscher Typus. Der Spatenforscher 4, 1939, 42-48.

Albert Mundt, Ruine Rothenburg. Bericht über die Ausgrabung und Instandsetzung. Das Thüringer Fähnlein 9, 1940, 9-14.

Gotthard Neumann mit Gottfried Kurth und Erwin Schirmer, Kyffhäuserstudien l. Die vorgeschichtliche Besiedlung des Baugrundes der Reichsburg Kyffhausen (Unter- und Oberburg). Zeitschrift des Vereins für Thüringische Geschichte und Altertumskunde 42, N.F. 34, 1940, 318-371 Taf. 1-6.

Martin Claus, Die Thüringische Kultur der älteren Eisenzeit (Grab-, Hort- und Einzelfunde). Irmin. Vorgeschichtliches Jahrbuch des Germanischen Museums der Friedrich-Schiller-Universität Jena 2/3 (Jena 1942), hierzu v.a. 155, 166.

Gotthard Neumann, Warum in die Ferne schweifen? Spatenforscher 8, 1943, 16 f.

Paul Grimm, Die vor- und frühgeschichtlichen Burgwälle der Bezirke Halle und Magdeburg. Handbuch vor- und frühgeschichtlicher Wall- und Wehranlagen 1. Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Schriften der Sektion für Vor- und Frühgeschichte 6 (Berlin 1958), hierzu bes. 189 f. Kat.-Nr. 10-12.

Hermann Wäscher, Die Baugeschichte der Burg Kyffhausen. Schriftenreihe der Staatlichen Galerie Moritzburg in Halle 15 (Halle 1959).

Hans Eberhardt, Die Kyffhäuserburgen in Geschichte und Sage. Blätter für deutsche Landesgeschichte 96, 1960, 66-103.

Hans Eberhardt, Historische Nachrichten über Kyffhäuser-Burgen. In: Pfalzenexkursion des Institutes für Vor- und Frühgeschichte der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin vom 10.-14. Oktober 1960 (Berlin 1960) 68-70.

Gotthard Neumann, Die Reichsburg Kyffhausen. In: ebd. 70-74.

Hermann Wäscher, Feudalburgen in den Bezirken Halle und Magdeburg (Berlin 1962), hierzu v. a. 109-115; Abb. 335-354.

Gotthard Neumann, Zu dem dreieckigen Bronzeanhänger aus Nienburg/Weser. Prähistorische Zeitschrift 40, 1962, 254-258, hierzu 255 Abb. 2.

Gotthard Neumann, Die Reichsburg Kyffhausen. In: Wilhelm Unverzagt (Hrsg.), Arbeitstagung "Aufnahme und Erforschung vor- und frühgeschichtlicher Burgen" des Institutes für Vor- und Frühgeschichte der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin vom 1.-6. Okt. 1962 (Berlin 1962) 88-92.

Paul Grimm, Blick auf Rothenburg über Kelbra. In: ebd. 92 f.

Klaus Simon, Höhensiedlungen der Urnenfelder- und Hallstattzeit in Thüringen. Alt-Thüringen 20, 1984, 23-30, hierzu 24.

Hansjürgen Brachmann, F 96. Bad Frankenhausen (Staatsforst Kyffhäuser), Kr. Artern (Bez. Halle). In: Joachim Herrmann (Hrsg.), Archäologie in der Deutschen Demokratischen Republik. Denkmale und Funde 2. Fundorte und Funde (Leipzig, Jena, Berlin 1989) 734-737.

Wolfgang Timpel, Die mittelalterliche Keramik der Kyffhäuserburgen. In: Paul Grimm, Tilleda. Eine Königspfalz am Kyffhäuser. T. 2. Die Vorburg und Zusammenfassung. Schriften zur Ur- und Frühgeschichte 40 (Berlin 1990) 249 f.

Hansjürgen Brachmann, Zum Burgenbau salischer Zeit zwischen Harz und Elbe. In: Horst-Wolfgang Böhme (Hrsg.), Burgen der Salierzeit 1. In den nördlichen Landschaften des Reiches. Römisch-Germanisches Zentralmuseum. Forschungsinstitut für Vor- und Frühgeschichte 25 (Sigmaringen 1992) 97-148, hierzu 118-120, 129 f. Kat.-Nr. 2-3.

Karl Peschel, Höhensiedlungen der älteren vorrömischen Eisenzeit nördlich des Thüringer Waldes. In: Albrecht Jockenhövel (Hrsg.), Ältereisenzeitliches Befestigungswesen zwischen Maas/Mosel und Elbe. Internationales Kolloquium am 8. November 1997 in Münster anläßlich des hundertjährigen Bestehens der Altertumskommission für Westfalen. Veröffentlichungen der Altertumskommission für Westfalen 11 (Münster 1999) 125-158, hierzu bes. 134, 139 Abb. 10, 150.

Thomas Bienert, Mittelalterliche Burgen in Thüringen. 430 Burgen, Burgruinen und Burgstätten (Gudensberg-Gleichen 2000) 166-172.

Ralf Rödger / Petra Wäldchen, Kyffhäuser. Burg und Denkmal. Schnell Kunstführer 2061 (10. Aufl. Regensburg 2002).
Dankwart Leistikow, Die Rothenburg am Kyffhäuser. In: Burgen und frühe Schlösser in Thüringen und seinen Nachbarländern. Forschungen zu Burgen und Schlössern 5 (München, Berlin 2002) 31-46.

 

Zusammengestellt von Roman Grabolle, März 2004